Das neue Jahr ist kaum einen Monat alt und die Zeitschriften noch immer voll mit den besten Diättrends. Dieses Mal klappt es aber wirklich mit dem Abnehmen. So zumindest das Versprechen. Wer abnehmen will, muss Verzicht üben, oder? Wie schön wäre es doch, wenn so eine Diät nicht nur hilft, sondern auch noch den Genuss auf den täglichen Speiseplan setzt. Die Schoko-Diät macht‘s möglich und ist sogar wissenschaftliche belegt, oder?  Wie viel sind wissenschaftliche Erkenntnisse wert, wenn sie gar nicht echt sind?

Die Studie zur Schoko-Diät

Mit einer fundierten Studie in der britischen Fachzeitschrift International Archives of Medicine 1, einem eigenen Forschungsinstitut und dem Versprechen: Abnehmen dank Schokoladengenuss, macht die Schoko-Diät 2015 mächtig Schlagzeilen. Die hungrige Journalistenmeute stürzte sich weltweit mit Begeisterung auf die neue Diät und Millionen von Verbrauchern erst recht. Dass die Ergebnisse nicht etwa von Ernährungswissenschaftlern oder Medizinern stammen, sondern von Journalisten, dass es das Institute of Diet and Health gar nicht gibt und bei der Durchführung und Auswertung der Studie ordentlich gepfuscht wurde, war vielen nicht klar.

So lief die Studie ab

In der Studie wurden Probanden in drei Versuchsgruppen eingeteilt. Zwei Gruppen folgten einer strengen Diät mit Restriktion der Kalorienaufnahme und allem Pipapo. Dabei sollten Teilnehmer in einer dieser Gruppen zusätzlich jeden Tag genau 42g Schokolade essen. Keine Vollmilch, sondern ziemlich dunkle Schokolade mit 81% Kakaoanteil. In der dritten Gruppe, der Kontrollgruppe, blieb ernährungstechnisch alles beim Alten. Und tatsächlich verlor die Schoko-Gruppe 10% mehr Gewicht als die Vergleichsgruppe.  Doch es kommt noch besser, laut der Studie beschleunigt die Schokolade den Fettabbau und reduzierte den gefürchteten Jojo-Effekt. Damit ist Schokolade der Abnehm-Booster für jede Diät.

 

Ein kleiner Schubs in die „richtige“ Richtung

Dabei ist die Studie echt, die Studienteilnehmer ahnungslos. Ganz real wurden ihr Gewicht, ihre Größe und der Bauchumfang gemessen, wenn auch etwas nachlässig. Allenfalls wurde ein bisschen geschummelt, aber das ist wohl keine Seltenheit in der ach so korrekten Wissenschaft. Auch mit der eher mickrigen Stichprobengröße von 15 Leuten steht die Studie im Wissenschaftsalltag nicht allein da. Das Mittel der Wahl, um der Studie den Tritt in die „richtige“ Richtung zu geben, ist ein Statistiker. Heutzutage vermutlich die wahren Götter unserer Wissensgesellschaft, die Wasser in Wein verwandeln können. Na ja, so ähnlich. Zumindest können sie aus ungünstigen Studienergebnissen genau die herausholen, die zur Hypothese passen. So auch für die Schoko-Diät.

Wer jetzt denkt, okay, klar, man kann Studien drehen und deichseln bis sie statistisch passen, aber sowas bekommt man doch in keinem Fachjournal mit kritischer Bewertung durch andere Wissenschaftler veröffentlich, oder? Nun, wenn man ein bisschen Geld in die Hand nimmt, sind viele Reviewer ja doch geneigt, ein wenig oberflächlicher zu lesen. Bei einigen Fachzeitschriften braucht es nicht einmal mehr einer fachlichen Prüfung. Als randomisierte und kontrollierte Interventionsstudie erreicht die Schoko-Studie sogar eine der höchsten Evidenzklassen.

Die vermeintliche Macht der Wissenschaft

Dabei wird klar, wer die Wissenschaft hinter sich hat, kann eigentlich alles verkaufen. Wie soll man als Laie auch Signifikanzniveau, Effektstärke und Co. bewerten? Wer jetzt denkt, dafür sind doch Journalisten als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Verbraucher gefragt, der könnte enttäuscht werden. Viel mehr als der Laie wissen die meisten leider auch nicht und vertrauen blind auf die Aussagen der Pressemitteilungen, ständig nur auf der Suche nach der nächsten Schlagzeile.

Die Journalisten Diana Löbl und Paul Onneken wollten mit dieser Fake-Studie zeigen, wie leicht sich Journalisten und Leser vom ehrfürchten Glauben an die korrekte Wissenschaft an der Nase herumführen lassen. Das ist ihnen definitiv gelungen. Denn Schokolade als Abnehmmittel, das klingt doch zu schön, um wahr zu sein. Und das ist es auch.

 

 


Autorin: Vivien Suchert
Der Biologe Jakob von Uexküll hat mal gesagt: "Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen." Recht hatte er. Deswegen bleiben wir für  euch wachsam und stellen die unbequemen Fragen.

 

Fußnoten

  1.  http://imed.pub/ojs/index.php/iam/article/view/1087/728

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