“Wenn die Leute ihren menschlichen Priestern nicht mehr trauen und es immer weniger Gemeinschaftsleben gibt, könnten sie einem Roboterpriester vertrauen?“

Dr. Cindy Masons (2018) provokante Fragestellung greift  tiefer, als man glaubt. Auf der 32. Konferenz der AAAI-18 on Artificial Intelligence, Ethics and Society in New Orleans ging sie in ihrem Vortrag der Frage nach, inwiefern das äußere Erscheinungsbild von Robotern Einfluss auf unsere Interaktion und Wahrnehmung hat. Alter Hut, möchte man meinen. Der Mensch steckt sein Gegenüber in einer Zehntelsekunde in eine der Schubladen: „Freund oder Feind?“, denn evolutionär ist es durchaus von Vorteil zu wissen, ob der nette Höhlenmensch neben mir am Feuer den letzten Knochen mit mir teilt oder ihn benutzt um aus mir die Nachspeise zu machen (Marzi, Tessa, 2014). Alexander Todorov (2010) fügt dem „entscheidenden ersten Eindruck“ eine zweite Dimension hinzu: „Ist mir das bis dato unbekannte Gegenüber überlegen, stärker, dominanter, kompetenter?“.

Spätestens hier wird Masons Fragestellung fundamental. Kann ich einem wertfrei entscheidenden und emotionsfrei handelnden Roboterpriester mein Spiritualität eher anvertrauen, als einem menschlichen Priester, bei dem der Verdacht der Manipulation nicht restlos ausgeschlossen werden kann? Und vor allem: Reicht es, wenn der Roboterpriester dazu in einer Soutane steckt, um in mir in einer Zehntel Sekunde das nötige Vertrauen zu erwecken? Oder das Gegenteil?

ROBOT FASHION WEEK

Dass Kleider Leute machen wissen wir nicht nur aus unseren Kindheitserinnerungen, als ein gewisser König aus Eitelkeit nackt vor sein Volk trat. Wir erleben es täglich. Der Polizist auf der Straße, der Arzt im Krankenhaus, die Kellnerin mit Schürze. Das Wort Uniform leitet sich nicht umsonst aus dem lateinischen uni (=eine) forma (=Form) ab. Doch was heißt das für unsere künstlichen Freunde?

2015 im Nordstrom’s des Shopping Centers in Stanford  tummeln sich Studenten und Professoren der Uni zusammen mit ihren Robotern herum. Die „Standford Mall Robot Fashion Show“ ist in vollem Gange. Mittendrin Cindy Mason, mit ihren Kreationen und der Frage an die Menschen: „Was halten Sie davon?“ (Mason, 2015). Das Ergebnis dieser Untersuchung erstaunte. Die Reaktionen der Menschen drehten sich allesamt um (1) den Charakter, (2) das Verhalten und (3) die Stimme, die der Roboter in einem speziellen Outfit haben würde. Keiner der Befragten fragte nach Rädern, Ketten oder Software.

Mason leitete davon die Forderung ab, dass es für Roboter Richtlinien oder Gesetze geben sollte, die eine „Kohärenz zwischen Erscheinungsbild und Verhalten“ festlegen, um bei den Menschen ein einheitliches Bild zu erzeugen. Mit anderen Worten: Eine Uniform für Roboter je nach Nutzungsbestimmung. Nachvollziehbar, wenn es um praktische Tätigkeiten geht (z.B. Müllroboter, Informationsroboter in einer Mall, etc.). Doch wenn es um abstrakte, ideelle Tätigkeiten geht wie Seelsorge?

„DIE KAPPE MACHT DEN MÖNCH NICHT AUS!“ (Heinrich VIII, Shakespeare, 1623)

Andrew A. Porter (2014) fragte in seinem paper „A Theologian looks at AI“ daher:„ Was versucht die AI zu tun? Menschen nachahmen? Das nennt man philosophische Anthropologie. Wenn es sich zentrale Fragen um die Orientierung im Leben handelt, ist es theologische Anthropologie. Man kann sich also weiter fragen: Welche Orientierung im Leben?“. Ein Roboter, der für mich durch eine Uniform in seiner Tätigkeit klar definiert ist und die in mir eine emotionale Reaktion des Vertrauens, Zuneigung oder Sicherheit auslöst manipuliert mich in diesem Moment ebenso, denn was, wenn das in ihn gesetzte Vertrauen nicht gerechtfertigt wird? Legen Roboter dann aufgrund von data mining aus ihren Interaktionen mit den Menschen selbst fest, welches äußere Erscheinungsbild das Optimalste ist? Designen sie ihre Kollektionen selbst? Stapfen am Ende auf der Fashion Week in Paris gestylte Androidinnen mit einem zarten Hauch von Nichts über den Catwalk, weil ihre Bestimmung die psychologische Betreuung von Herren zwischen 60 und 65 ist? Und schlussendlich: Was, wenn der Wunsch nach Interaktion und die Entwicklung künstlicher Intelligenz fehlschlägt?

Porter leitet inhaltlich drei mögliche Antworten ab (1) wir versuchen weiterhin die Kontrolle zu behalten, (2) wir geben die philosophische Anthropologie auf oder (3) wir akzeptieren, dass wir die Wesen sind, die wir sind, was bedeutet, dass wir uns der Herausforderung stellen müssen etwas zu tun, was dem Mensch sein angemessen ist. Die Interaktion zwischen Mensch und Roboter wird immer an der Messlatte unserer emotionalen Sicherheiten und Unsicherheiten ausgerichtet sein. Doch sind wir nicht allein in dieser Welt. Kleidung als Mittel zum Zweck des guten ersten Eindrucks wird nur insofern etwas in uns auslösen, solange die Gesellschaft und die kulturellen Strukturen dies zulassen. Und eben hier greift Todorovs (2010) Dimension („Ist mir das bis dato unbekannte Gegenüber überlegen, stärker, dominanter, kompetenter?“) wieder voll ins gemeinschaftliche Nervenkostüm. Wir wissen, dass die AI schneller denkt und schneller reagiert, weil sie nicht von ethischen und emotionalen Fragen in Bezug auf richtig und falsch blockiert wird. Somit ist sie uns überlegen. Ein Roboterarm zerquetscht meine Hand nach Bedarf. Sie ist also auch stärker. Erklärt mir dereinst ein Robocop wo ich zu parken habe, werde ich mich wohl kaum widersetzen. Somit ist die AI auch dominanter. Drei von vier Kriterien sind erfüllt. Was wenn sie auch noch kompetenter ist?

Spätestens dann wird uns die Uniform egal werden. Dann geht es um „DIE“ und „UNS“. Dann geht es wieder um die Software und die Programmierung und das „Jetzt reicht es aber.“ Womit sich der negative Kreislauf der menschlichen Neugier wieder geschlossen hätte. Es ist so lange lustig, bis einer weint. Künstliche Intelligenz ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Dass die Verpackung immer menschlicher wird ist nachvollziehbar. Dass diese Verpackung gut gekleidet sein sollte umso mehr. Die Frage die wir uns stellen müssen ist jedoch: Werden wir bei all dieser Maskerade noch unterscheiden können zwischen dem, was wir wollen und dem was wir brauchen?

Der Forderung nach Gesetzen und Richtlinien kann ich einiges abgewinnen. Jedoch nicht für die AI’s dieser Welt, sondern für uns selbst. Ein Gesetz könnte lauten:„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Die Programmierung ist für das Auge unsichtbar.“

„JA, ICH WILL!“

 

Quellen:

  1. AAAI 2018 Conference. 2018. AAAI 2018 Conference | The Thirty-Second AAAI Conference on Artificial Intelligence. February 2–7, 2018, New Orleans. [ONLINE] Available at: https://aaai.org/Conferences/AAAI-18/. [Accessed 23 February 2018].
  2. Mason, Cindy, 2018. Appearance and Reality in AI – The Case of the Robot Priest – https://www.researchgate.net/publication/322489456_Appearance_and_Reality_in_AI_-_The_Case_of_the_Robot_Priest [Accessed: 23 Februar 2018]
  3. Mason, Cindy, 2015. Robot Fashion Show | cindy mason – Academia.edu. [ONLINE] Available at: https://www.academia.edu/35129527/Robot_Fashion_Show. [Accessed 23 February 2018].
  4. Marzi Tessa, 2014. Trust at first sight: evidence from ERPs | Social Cognitive and Affective Neuroscience | Oxford Academic . [ONLINE] Available at: https://academic.oup.com/scan/article/9/1/63/1673971. [Accessed 23 February 2018].
  5. Porter, Andrew P.. 2014. A Theologian Looks at AI. [ONLINE] Available at: https://www.aaai.org/ocs/index.php/FSS/FSS14/paper/download/9136/9077. [Accessed 23 February 2018].
  6. Todorov Alexander, 2010. Mapping the Social Space of the Face . [ONLINE] Available at: http://www.apa.org/science/about/psa/2010/03/sci-brief.aspx. [Accessed 23 February 2018].

 

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