Kaum zu glauben: In den USA wird 2017 eine Babysitterin ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie sich ein Baby in die Vagina eingeführt hatte. Dann war da noch diese alte Frau, die ihre 65 Katzen so trainiert hat, dass sie bei den Nachbarn eifrig Dinge klauten. Und  nicht zu vergessen der Leichenhaus-Mitarbeiter, in dessen Wohnung das FBI sage und schreibe 3.000 Penisse beschlagnahmt hat. Krass, oder? Nachdem ich meine Kinnlade wieder zum Schließen bewegen konnte, lache ich kopfschüttelnd auf und im nächsten Moment ist die Story schon so gut wie geteilt – sei es auf Facebook, bei What’s App oder dem nächsten Tratsch mit der Freundin. So geht es wohl den meisten. Denn so unwahrscheinlich Fake News häufig wirken, so sehr sind wir oftmals doch gewillt, ihnen Glauben zu schenken. Warum eigentlich?

Unsere Partei ist die beste

Schon 2014 wurde „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres gekürt und gerade mit der letzten Präsidentschaftswahl und der Ära Trump haben Fake News im politischen Bereich Hochkonjunktur. So scheint es zumindest.

Am 20. Januar 2017 hingen die Republikaner in den USA noch voller Stolz vor den Bildschirmen und verfolgten die Amtseinführung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Was für ein Tag, was für ein Moment. Die Menschen treten sich vor Ort regelrecht auf die Füße und sind vor der Bühne sogar hochkant gestapelt. Trump zieht die Massen in seinen Bann. Unfassbar, aber noch nie zuvor waren so viele Menschen bei der Amtseinführung eines Präsidenten zugegen wie an diesem glorreichen 20. Januar. So berichtete es der Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, am Tag danach mit offensichtlichem Klassendünkel und aus tiefster Überzeugung. Auch wenn reales Bildmaterial dieser Behauptung den Boden entzog und Herr Spicer seine Aussagen rückblickend bereute, stellten die wenigsten Republikaner diese Meldung damals in Frage.

Wissenschaftler liefern psychologische Erklärung

Für den Bereich der Politik veröffentlichten die Wissenschaftler Jay Van Bavel und Andrea Pereira1 unlängst eine Theorie, die genau diesen vorsätzlichen oder zumindest erkennbaren Irrglauben erklären soll. Van Bavel und Pereira vermuten, dass wir gerade dann anfällig für Fake News sind, wenn sie unsere Überzeugungen und unsere Gruppenzugehörigkeit bekräftigen. Ihre Theorie publizierten sie im Fachjournal Trends in Cognitive Sciences. Demnach sei eine noch so hochwertige Nachrichtenquelle – selbst unsere eigene Wahrnehmung – wenig wert, wenn die Inhalte nicht zu unserer sozialen Gruppenidentität passen würden. Tun sie jedoch genau das und bestärken uns in unseren Überzeugungen, dann nehmen wir diese Informationen mehr als bereitwillig auf. Wenn Herr Spicer als getreuer Republikaner also sagt, die Menschenmassen waren schier grenzenlos, dann sickert diese Meldung bei Trump-Anhängern in die Synapsen wie Wasser in dürstende Blumenerde. Genau das passt schließlich perfekt ins eigene Bild.

Politische Parteien sind für Mitglieder wichtige Quelle der eigenen Identität, das heißt, die Mitglieder identifizieren sich über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei. Dahinter steckt nicht weniger als die Weltsicht eines Menschen. Diese ist ziemlich fest in uns verankert und stimmt sie mit der Ideologie einer Partei überein, entsteht ein festes Bündnis. Dabei kann die Gruppenzugehörigkeit zu einer Partei sogar die eigenen ideologischen Überlegungen und den eigenen Menschenverstand überstrahlen.2

Die Theorie der sozialen Identität – von Starwars-Fans und AfD-Anhängern

Die soziale Identität ist Teil unseres Selbstbildes und ergibt sich daraus, dass wir Mitglieder verschiedener sozialer Gruppen sind. Beispielsweise die soziale Gruppe der Starwars-Fans, der Apple-Verwender oder eben der Anhänger einer bestimmten Partei. In unterschiedlichen Situationen kann die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe mehr im Vordergrund stehen als zu einer anderen, je nachdem, was der Kontext betont. Wenn Starwars-Fans zur Premiere des neuen Films schon Stunden zuvor die Kinokassen belagern, kann es durchaus passieren, dass sich ein AfD-Anhänger und der südländisch aussehende Fan hinter ihm ein Twix teilen (wobei natürlich klar ist, wer den rechten Riegel bekommt). Wie geht sowas? Nun, in so einer Situation steht die soziale Identität als Starwars-Fan im Vordergrund und vermittelt sozusagen parteiübergreifend.

Grundannahmen der Theorie der sozialen Identität3
  1. Menschen sind stets um ein positives Selbstbild und damit um eine positive soziale Identität bestrebt.
  2. Eine positive soziale Identität basiert auf Vergleich mit relevanten anderen Gruppen. Dabei schneidet unsere Gruppe positiv ab, wenn eben dieser Vergleich positiv ausfällt. Das wiederum stärkt unsere soziale Identität.
  3. Fällt der Vergleich allerdings negativ aus, so sind Menschen entweder dazu geneigt, die Gruppe zu verlassen, oder (und das ist gerade für die Anfälligkeit für Fake News relevant), gedanklich flexibel zu reagieren, damit ein positives Selbstbild erhalten bleibt.

 

Doch zurück zu den Fake News. Sprechen diese die soziale Identität als Parteimitglied an, sind wir nach der Theorie von Van Bavel und Pereira gewillt, die Parteizugehörigkeit wichtiger zu nehmen als Genauigkeit oder Korrektheit der Meldung. Dieses Verhalten ergibt sich aus den Grundannahmen der Theorie der sozialen Identität (siehe Box oben). Denn Menschen sind eitle Wesen, die sich selbst gern in einem unfassbar positiven Licht sehen. Da wir einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres Selbstbildes über unsere soziale Identität beziehen, ist dafür auch unsere Gruppenzugehörigkeit entscheidend. Dabei vergleichen wir unsere Gruppe stets mit relevanten anderen Gruppen. Starwars-Fans vergleichen sich beispielsweise mit Star Trek-Fans und SPD-Anhänger mit FDP-Mitgliedern. Dass die eigene Gruppe bei diesem Vergleich immer besser dasteht, versteht sich wohl von selbst. Sonst wäre unser schönes Selbstbild bald dahin. Und so sind wir häufig geneigt, die Realität inhaltlich flexibel zu interpretieren (genau genommen belügen wir uns also gern mal selbst, aber sowas sagen wir natürlich nicht und davon wissen wollen wir eigentlich auch nicht, also psst.).

Ich mach mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt

Doch es gibt noch einen anderen Zustand, den wir, neben einem negativen Selbstbild, ganz und gar nicht mögen: kognitive Dissonanz. Kognitive… was? Ja, Wissenschaftler greifen gern in die Kauderwelschkiste. Nun, kognitive Dissonanz ist ein innerer Zustand, in dem verschiedene unserer Überzeugungen und/oder Ziele in Widerspruch zueinander stehen. Habe ich etwa das Ziel, abzunehmen, und gleichzeitig das Verlangen, mir ein schönes Stück Schwarzwälder-Kirschtorte zu gönnen, dann hab ich ein Problem. Ziel und Verlangen stehen im Widerspruch. Genauso auch, wenn Republikaner die Vereidigung ihres Präsidenten verfolgen. Klar wollen sie, dass ihr Präsident populärer ist als der demokratische Vorgänger. Blöd, wenn Bilder dann was anderes zeigen. Um diesen inneren Spannungszustand zu reduzieren, beweisen viele von uns herausragende gedankliche Flexibilität. Dabei muss man verteidigend sagen, dass wir uns dessen oftmals auch gar nicht bewusst sind.

Doch Van Bavel und Pereira lassen uns in ihrem Artikel nicht ganz hilflos stehen und machen Vorschläge, wie wir der Fake News-Falle entkommen können.

Wie kommen wir aus der Nummer wieder heraus?

Die soziale Identität spielt bei der Anfälligkeit für Fake News also eine wichtige Rolle. Um dem zu entkommen, müssen wir den Mechanismus gar nicht als solches ausschalten, sondern lediglich eine andere soziale Gruppe aktivieren, der wir uns zugehörig fühlen. Beispielsweise übergeordnete Kategorien wie die Gruppe der Menschen an sich. Statt Republikaner oder Demokraten käme beispielsweise auch die Gruppe der Amerikaner in Frage.

Wenn unsere inneren Ziele und Überzeugungen miteinander konkurrieren, zieht eine Seite den Kürzeren. Messen wir Genauigkeit und Korrektheit von Informationen als Ziel mehr Bedeutung bei als der positiven Bewertung einer sozialen Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, haben Fake News nicht mehr so leichtes Spiel.

 

 


Autorin: Vivien Suchert
Der Biologe Jakob von Uexküll hat mal gesagt: "Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen." Recht hatte er. Deswegen bleiben wir für  euch wachsam und stellen die unbequemen Fragen.

 

Fußnoten

  1. http://www.cell.com/trends/cognitive-sciences/fulltext/S1364-6613(18)30017-2
  2. http://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2F0022-3514.85.5.808
  3. http://psycnet.apa.org/record/2004-13697-016

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